Holland in Not

"Hyperventilierend hinter der Schreibmaschine"

Nee hoor, da werden sich Hollands Blogger aber freuen! Die 29-jährige Juristin Wanda Perez hat mit ihrem Essay "Een blog voor je kop" den Martin-van-Amerongen-Preis gewonnen (ausgelobt vom traditionsreichen Kulturmagazin "De Groene Amsterdammer"). Darin lässt sie kein gutes Haar an publizistischen Laien wie Bürgerjournalisten und Hobby-Bloggern:

"Der durchschnittliche Blogger sieht seine Berufung im Ausstoß eines permanenten Stroms an Beleidigungen und Verwünschungen. Er lebt durch den Ausdruck seines niveaulosen Hasses, den er dank der sich im Netz bietenden Anonymität ungehindert in die Welt speien kann. Der Blogger ist die rächende Hand des unzufriedenen Bürgers, verstrickt in einen digitalen Guerillakrieg gegen alles, was nach Autorität riecht. Er ist damit das typische Post-Pim-Phänomen."

Wie sollten Zeitungsmacher also darauf reagieren? Perez zitiert Martin van Amerongen selbst, den EX-Chefredakteur des Magazins: "Geht als Redakteure von Tages- und Wochenzeitungen den Lesern unbedingt aus dem Weg - sonst sitzt ihr danach zwei volle Wochen hyperventilierend hinter der Schreibmaschine."

Taliban Fritz & Guerillera Tanja

Holland mal wieder in Not: Wen das Thema "Junge Westeuropäer in internationalen Terrorgruppen" interessiert, für den gibt's hier ein aktuelles Beispiel aus den Niederlanden. Und dazu auch noch etwas auf Deutsch.

Slow TV

NRC HandelsbladWoanders rotiert die TV-Welt immer schneller, werden Tierdokus wie Videoclips geschnitten, mutieren Newsreportagen zu Actionfilmen – in Holland entdeckt man "Slow TV".

Dazu hier ein Artikel in NRC Handelsblad - und ein Auszug sinngemäß übersetzt: Derzeit sind gleich drei Kanäle in der Mache (Podium TV, Het Gesprek, OmroepC), die auf ein Programm der ruhigen Hand setzen. Die größten Erfolgschancen bescheinigen Experten dem Interview-Kanal "Het Gesprek" des in den Niederlanden bekannten TV-Machers Ruud Hendriks (dazu hier ein Promo-Video, auch das ganz puristisch im Presseclub-Stil). Sein Konzept: „Interviewer und Gast dürfen jeweils so lange beisammensitzen, bis beide das Gefühl haben 'Jetzt sind wir fertig'. Dafür sollen die überwiegend freien Interviewer eine 'symbolische' Vergütung erhalten. ‚Es muss eine Ehre sein, für uns zu interviewen’, sagt Hendriks. Um die Einschaltquoten sorgt er sich nicht: 'Wortprogramme ziehen viele Zuschauer, tiefschürfend muss nicht öde sein.'"

"Kom maar bij ons aan tafel"

willemZum Koninginnedag: "Fünf Gäste. Montags. Informell. Zuhause." So laden Kronprinz Willem-Alexander (gerade vierzig geworden) und Prinzessin Maxima gerne ein. Im NRC Handelsblad beobachtet Jannetje Koelewijn das zukünftige Königspaar beim Netzwerken am Abendbrottisch: "Die Sekretärinnen des Prinzen und der Prinzessin arbeiten wie die Redaktion einer Talkshow. Sie suchen nach Menschen, die auf sich aufmerksam gemacht haben - durch ein interessantes Buch, durch eine Aufsehen erregende Studie oder eine innovative Geschäftsidee. Und die laden sie dann ein. Während dieser Abendessen wird darauf geachtet, dass auch jeder zu Wort kommt. Manche der Gäste spielen sich so in den Vordergrund, dass andere sich zurückhalten. Diese werden dann ermuntert: 'Sie haben da doch diese Untersuchung geschrieben, was sagen Sie denn zu dem Thema?' Doch genau wie im Fernsehen gilt: Wer sich nicht gut zu präsentieren weiß, braucht nicht mehr wiederzukommen. Der ist ein 'Missgriff'."

Polder-Dschihad

Kleine Schlagwortkunde, diesmal: "Polder-Dschihad"
polderdschihad
1. Dazu eine Linksammlung (auch in Englisch), schön aufbereitet von der Uni Amsterdam.
2. Wikipedia NL über "Islam in Nederland".
3. Ein guter ZEIT-Artikel zur Lage der Nation und den letzten Wahlen.
4. Unsere Nachbarn schwenken mit "Balkenende IV" von Mitte-Rechts auf Mitte-Links, Personalien hier.
5. Buchtipp: Ian Burumas "Murder in Amsterdam". Debatte dazu? Gibt's auch.

Perlen online

MGRS060207Nachtrag zu s.u....
Perlentauchers Magazinrundschau diese Woche - besonders schön!

Dabei eine gute Filmbesprechung zu "Das Leben der Anderen" im New Yorker, ein böser Blick hinter die Kulissen des Sundance-Festivals, was Hartes zu Foltervideos in ägyptischen Blogs, eine großartigen NYT-Augabe und - wo sonst gibt's das so konzentriert?! - ein paar spannende Links zu Osteuropa und "Budapest, mon amour" (soo schön wars...). Und natürlich mein kleines Nederland-Fundstück zum "keuschen Van Dale" *kein Veilchen im Moose*

Achtung, und jetzt kommt was Distanzloses: Godverdomme, ze zijn zo toff! Ik zal ook gratis for deze redactie werken!

Perlentaucher Magazinrundschau im Januar

Januar 2007 - keine größeren Online-Dossiers aus dem Land neben uns links oben. Ein Essay auf ScienceGuide.org, der die Holländer in die Nähe von Borgs rückt und dann am Ende des Monats ein Blogbericht über die "Lucky Dutch" in Uruzgan. Der Februar fängt schon wüster an - nämlich mit dem Streit um eine "christliche" Schulausgabe des Van Dale (niederländischer Duden), gefordert von strenggläubigen Protestanten. Mehrere Kolumnisten haben das keusche Nachschlagewerk kritisch unter die Lupe genommen. Wie ich finde, zu recht. Wenn ich an meine Kinderzeit in Zeeland denke und an den Puritanismus der "Gereformeerd", schauderst mich jetzt noch. Sagen wir's in Literatur: "Hexenjagd" meets "The Scarlett Letter"

Sollen wir Casanova nacheifern - als Europäer?

GroeneAmsterdammerCover1106Fundstück vom Bahnhofskiosk: "De Groene Amsterdammer", ein ziemlich interessantes niederländisches Magazin.

Drin steht diesmal unter anderem...

Für sein neues Buch "De vloek van Oedipus" sieht der Sozialwissenschaftler Michiel Leezenberg die "Wiege der Demokratie" Athen mit neuen Augen: "Faszinierend ist, dass es in Athen auch ohne für uns selbstverständliche Konzepte wie Solidargemeinschaft, Rechtstaat oder Gewaltenteilung ein demokratisches Zusammenleben gab. Das funktionierte, weil die Athener kontinuierlich nach einer Balance der Mächte, einem politischen Gleichgewicht strebten. Weil sie nichts für die Ewigkeit festlegten, waren sie flexibel und konnten sich an wechselnde Umstände schnell anpassen. Bei uns wurde die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative vor zweihundert Jahren eingeführt. Seit dieser Zeit sind neue Mächte dazugekommen, wie die Bürokratie, die Massenmedien und die Marktwirtschaft. Doch wir arbeiten immer noch mit einem juristischen Rahmen, der zwei Jahrhunderte alt ist.“

Von der Ur-Demokratie zum Ur-Europäer: Themenschwerpunkt dieser Ausgabe ist Giacomo Casanova. Rund 250 Jahre nach seiner spektakulären Flucht aus den Bleikammern Venedigs entdeckt man in dem legendären Verführer jetzt ein Vorbild für unser europäisches Selbstverständnis. „Als Freiberufler, unabhängig, freigesinnt und doch im Grunde sehr moralistisch reist Casanova sein Leben lang durch ein Europa ohne eindeutige kulturelle Grenzen. In seiner Schilderung und Beschreibung unterscheidet sich dieser Kontinent kaum von der föderalistischen Einheit, die man heute anstrebt. Es wird Zeit, dass Casanova neben allen anderen Zuschreibungen endlich auch als ur-europäisch erkannt wird. Bei der Suche nach einer verbindenden europäischen Identität sind seine Memoiren sicher nicht die schlechteste Basis* für einen Kanon.“

*Das schlag ich nach! Schmutzige Details folgen...

Perlentaucher Magazinrundschau im Oktober

Fundstücke für Perlentaucher.de aus den Niederlanden...

Mitte Oktober in NRC Handelsblad eine Streitschrift von Ian Buruma über Neocons in Holland und anderswo, darüber hinaus Reaktionen aus der niederländischen Social Network Szene zum YouTube-Kaufpreis. Eine Woche später ein Bericht über den "Haager Kanon" in De Groene Amsterdammer und am Schluss ein Interview mit dem bekannten niederländischen Dokumentarfilmer Vik Franke (ebenfalls NRC), der erzählt, wie er in Afghanistan seine Kamera gegen ein Gewehr tauschte.

Hyver, Hyver

Nachtrag zu meinem aktuellen NL-Artikel für Perlentaucher.de. Hier kommt "Bonus-Material" für alle, die sich für HYVES interessieren:

Auf EMERCE.nl gibt es hier ein komplettes Firmen-Dossier und hier einen Artikel speziell zum Thema "Myspace vs Hyves". Ein ausführliches Interview mit Hyves-Gründer Raymond Spanjar habe ich noch nicht aufgetan, aber mich im Netzwerk mal etwas umgesehen. Raymonds eigenes Blog sieht, naja, ganz schön scheußlich aus.

Aber unsere Nachbarn scheint die fiese Optik nicht zu stören. 1,3 Mio. holländische User sind verrückt nach der Seite, bei ca. 16 Mio. Holländern in toto sind das fast 10 Prozent der Bevölkerung! (Und es kommen immer mehr Ältere dazu...)

Viele Politiker sind dabei - sogar Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende hat ein eigenes Profil als "Hyver". Mit jecken kleinen Smilies und Wackel-Icons die aussehen wie Alfred Jodocus Kwack. Stört "Jan-Peter" überhaupt nicht, der bloggt sich "altijd prachtig" um Kopf und Kragen... und hat trotzdem 35.873 Freunde.

Ob meine Namensvetterin das mit ihrem ollen
Angie-Videocast auch schafft? :-)

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Ansonsten gibt es auf Spreeblick eine wunderbare Zusammenfassung zum Thema Urheberrecht, Zitate, Disclaimer & Co. Genauso halte ich es auch.

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